Impressionen
Walter Dreizler schrieb...
Wie entstand mein Buch „Flugzeuge am Himmel“?
Das Buch war fünfzig Jahre lang da. Es schlummerte in meinem Kopf. Ich brauchte es ab 1986 – wo ich mit Handaufzeichnungen begann – nur abzurufen und aufzuschreiben.
Ich hatte von Hand von November 1942 bis Mai 1943 tagebuchähnliche Abläufe in ein großformatiges Notizbuch aufgeschrieben. Das war damals bei der Luftwaffe verboten. Ein Ausbilder hat es entdeckt, gelesen und einige Seiten herausgerissen. Zu meinem Schutz, wie er betonte. Er riet mir mit dem Schreiben aufzuhören. Dieses Tagebuchfragment kam nach langen Jahren eines Tages auf dem Speicher unter Schulsachen versteckt wieder zum Vorschein.
Als am Kriegsende unser Lazarett in Stendal von den Russen besetzt und nach Tauglichen von Kommissaren durchkämmt wurde, mußte ich zwei weitere vollgeschriebene Tagebücher vernichten, in denen ich meine Erlebnisse von 1943 bis 1945 festgehalten hatte.
Auf diese Weise prägten sich die damaligen Ereignisse offensichtlich sehr präzise ein, denn als ich 1986 mit dem Wiederaufschreiben jener Tage neu begann, hatte ich mit dem Wiedererinnern keine Mühe.
Ich begann mit dem Aufschreiben einzelner Vorkommnisse und stellte dabei fest, daß es lediglich einer gewisser Zeitspanne bedurfte, um mich gedanklich in Teilgeschehnisse einzuklinkten, über die ich schreiben wollte. Es dauerte oft zwei bis drei Wochen bis alles fotografisch abrufbereit war für den nächsten Abschnitt.Später begann ich die einzelnen Vorkommnisse chronologisch einzuordnen und miteinander zu verbinden.
Eine Gedächtnisstütze stellten, was Personen, Einheiten und Orte anbelangt, meine Feldpostbriefe dar, die man Zuhause gesammelt und über das Kriegsende hinausgerettet hatte. Im Gegensatz dazu waren nahezu alle Briefe von Zuhause an mich verloren gegangen.
In einer zweiten Phase ab 1982 begann meine Frau Waltraut damit, die Handaufzeichnungen ins Reine zu tippen. Dabei diktierte ich den Text direkt in die Maschine, oder aber ich benutzte dazu ein Diktiergerät, das ich oft halbe Nächte traktierte. Es waren immer Abschnitte die vier bis sechs Diktierbänder ergaben und zu mehr als zwölf Schreibmachinenseiten führten.
Beim Diktieren kamen immer noch Erinnerungen hinzu, die eingeflochten werden konnten. Jeder Abschnitt wurde mehrere Male korrigiert, ergänzt, gestrafft, wieder korrigiert, bis er als „fertig“ gelten konnte. Diese zweite Phase empfand ich so als ob ich alles von vorne beginnen würde.
Als das maschinengeschriebene Manuskript zum ersten mal fertig da lag, las ich es mehrere Male durch, um ein Heer von Fehlern zu korrigieren. Anschließend korrigierten Sohn Roland, und die Enkel Daniel und Claudia nocheinmal das Aufgeschriebene, sollten letztlich auch eine Beurteilung über den Inhalt abgeben. Konnte man die Buchgeschichte auch anderen Leuten zum Lesen vorlegen?
Erstmalig tauchte der Gedanke auf, ob nicht gar etwa das Ganze für eine Veröffentlichung geeignet sei. Da begann ich, nach einem Verlag zu suchen. Letztlich ging ich das Wagnis mit dem Literaturverlag Cornelia Goethe ein, in gleicher Weise der Verlag mit mir. Das war im Jahre 2003.
Ich übergehe jetzt die sozusagen dritte Phase der eigentlichen Buchwerdung, die wieder von unzähligen Korrekturen und vielen Gestaltungsfragen begleitet war, aber vom Verlag richtig profihaft bewältigt wurde. Anfang März ist nun das Buch fertig und zum Verkauf freigegeben worden. Abschließend bin ich froh, daß ich meine Lebensexistenz in Bezug auf Geldverdienen nicht auf das Schreiben von Büchern konzentriert habe. Es ist zu befürchten, daß der Ertrag in keinem Verhältnis zum vorhandenen Aufwand stehen wird.
Ganz zum Schluß danke ich mit großer Bewunderung meiner unermüdlichen Frau Waltraut, die mich stets ermuntert und alles in den PC getippt hat. Ohne ihre Mitwirkung wäre das Buch schlicht und einfach nicht entstanden. Schon jetzt hat mein Buch einen Rekord zu vermelden, seine Fertigstellung hat über sechzig Jahre gedauert.
Anmerkung des Autors:
Leseproben können informieren, aber kein Buch ersetzen, zwar eine Binsenweisheit, aber gerade bei meinem Buch ist jede Seite mit solchen und ähnlichen Informationen und Ereignissen angefüllt, vierhundert Seiten voller spannender Geschichten von damals. Es lohnt sich, das ganze Buch zu lesen.
Ihr Walter Dreizler
Piet Duits schrieb...
Heute habe ich 2 Mikrofilme der Heeresgruppe Nord bekommen, mit auf T311 R70 die Kriegsgliederung für verschiedene 1944 Daten, bis 1.6.44.
Die wirkliche Gliederung der grosseren Einheiten, laut Ob.Kdo. H.Gr. Nord, Ia Nr. 2240/44 v. 15.5.44 war: hier die umfangreiche Gliederung ansehen ...
Jürgen Klosa schrieb...
Eindrücke einer Befragung von 120 Zeitzeugen
Als ich mich im Jahre 2003 entschloss, eine Zeitzeugenbefragung durchzuführen, ahnte ich noch nicht, was damit alles verbunden ist. Überhaupt eine Befragung zu realisieren, erforderte doch schon viel Energie und "Überzeugungsarbeit". Da die älteren Männer auch sehr misstrauisch sind, braucht man eine gewisse Vertrauensbasis oder auch eine "Visitenkarte". Hier wurde mir klar, dass eine derartige Befragung auf überörtlicher Ebene nur sehr schwer zu realisieren ist – einmal organisatorisch und zum anderen des fehlenden Vertrauens wegen.
Dass ich in meinem Ort schon "Vorschusslorbeeren" genoss (auf Grund zwei geschriebener Heimatbücher), kam mir dabei sehr entgegen. Das Ergebnis war, dass ich von möglichen 500 Personen 120 befragen konnte. Doch blockten vorher vielfach auch die Ehefrauen ab und sagten, dass ihr Mann kein Interesse hätte. Da rannte ich teilweise gegen eine Mauer, weil ich merkte, dass es nur Unsicherheit widerspiegelte oder schlichtweg eine Ausrede war. Das war nur eines von mehreren Hindernissen im Vorfeld. Aber letztlich brachte meine Beharrlichkeit doch den gewünschten Erfolg.
Bei den Gesprächen selber merkte ich, dass vieles noch sehr lebendig war. Auch wenn es 60 Jahre her war, konnte man erfahren, dass eine Menge noch nicht verarbeitet ist und in Nu eine ganz andere Stimmung herrschte. Ich fand für mich den Vergleich, so als wenn ein Flugzeug 60 Jahre über den Airport kreist und die Landeerlaubnis abwartet. Es floss auch manche Träne und man zeigte mir – mehrfach unaufgefordert – sogar Narben und Verletzungen.
Es "prasselten" viele Fakten auf mich nieder, und ich kann mich daran erinnern, dass ich nach der ersten Befragung eine Nacht nicht schlafen konnte. Ich erlebte es auch als große Belastung, ein Schicksal – wenn auch nur erzählenderweise – miterleben zu können. Hier liegt auch die Herausforderung bei Zeitzeugenbefragungen. Man sollte sich auf die Menschen einlassen und ihnen engagiert zuhören, d.h. versuchen, das Erzählte nachzuvollziehen. Das Gegenüber merkt sofort, ob man interessiert ist oder nicht. Dass die Männer oftmals "ohne Punkt und Komma" redeten und auch Dinge zu schnell erzählten (wahrscheinlich setzten sie voraus, dass ihre inneren Bilder gleichzeitig auch meine sein müssten), stellte zu dem eine große Anstrengung dar.
Als ich den Männern später zur Kontrolle ihre Geschichte präsentierte und auf Fehler abklopfen ließ, fand ich viel Zustimmung. Die meisten bestätigten mir, die Geschichte genau getroffen zu haben. Das war für mich ein schönes Feedback. Es gab auch Fälle, dass geschriebene Geschichten nicht veröffentlicht werden sollten. Der Erzähler empfand es als Belastung und bei manchen Geschichten hatte ich etwas in Bewegung gesetzt, was innerlich zu aufreibend war. Hier nahm ich Rücksicht auf die entsprechenden Zeitzeugen und richtete mich nach ihren Wünschen.
Mittlerweile leben mindestens 40 von den 120 Personen nicht mehr. Insofern war es "höchste Eisenbahn". Viele sind heute auch gesundheitlich viel schlechter dran, sodass man davon ausgehen kann, dass sie heute nicht mehr zu einem Gespräch bereit bzw. in der Lage gewesen wären. Vier Jahre haben hier sehr viel verändert.
Als ich in diesem Befragungsprozeß drin war, kamen mir oft die Gedanken, warum ich mir das antue. Aus der Distanz von vier Jahren bin ich froh, hier etwas Unwiederbringliches geschaffen zu haben, von der die Nachwelt profitiert. Es hat sich gelohnt, es war wichtig und dass ich eine ähnliche Aktion in dem Umfang andernorts nicht finden konnte, zeigt mir, dass diese Befragungen auch etwas Außergewöhnliches waren.
Bastian Matz schrieb...
"Nach groben Schätzungen kamen während des Zweiten Weltkrieges mindestens 55 Millionen Menschen ums Leben. Darüber hinaus wurden während des Dritten Reiches sechs Millionen Juden ermordet. Hinzu kommen Millionen von Menschen, die vertrieben und verschleppt wurden oder fliehen mussten und so ihre Heimat verloren."
So haben die Geschichtsbücher das Ausmaß des zweiten Weltkriegs und des dritten Reiches in Zahlen zusammengefasst. Wer sich mit dem Thema schon mal mehr als unbedingt nötig -z.B. für die Schule- beschäftigt und in dem Zusammenhang auch nur mit einem Einzelschicksal befasst hat, wird sehr schnell merken, dass der Zeitraum und das seelische Auffassungsvermögen eines Menschenlebens niemals ausreichen würde, um auch nur ein Promill der o.g. "Zahlen" zu verarbeiten.
In Gedenken an mein "Einzelschicksal", ...meinen Großvater...
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