Eine Generation verabschiedet sich
Zusammenfassung
(In der Rezensionen-Ecke Kommentar zum Buch lesen!)
I.) Dieses Buch ist allen großen und kleinen "Kindern" gewidmet, die in den (Schicksals)Sturm des Lebens geraten sind, als Aufforderung, ihnen nur zuzuhören.
Zeitzeugen zu befragen und ihre Erinnerungen und Geschichten anzuhören ist eine Sache, die gehörten Dinge in Form und Fassung zu bringen, dass sich die Zeitzeugen und Leser gleichzeitig wiederfinden bzw. berücksichtigt fühlen, eine ganz andere. So sichtete ich nach getaner Arbeit 120 Aufzeichnungen, in denen schwerpunktmäßig die jeweiligen Stationen und Einsatzbereiche der Zeitzeugen beinhaltet waren. Um mich nicht in immer wiederholende und für den Leser zahlenmäßig nicht zu fassende Einzelheiten zu verlieren, arbeitete ich aus den Befragungen in sich abgeschlossene Geschichten heraus, die er im Rahmen der Buchkonzeption in vier Kapitel gliederte:
1) Vor dem Einsatz,
2) Kriegsgeschehen,
3) doch Mensch geblieben und
4) Kriegsgefangenschaft.
In diesen Kapiteln brachte ich – zum Thema passend – die leihweise überlassenen Fotos aus den Privatalben der Zeitzeugen unter. Sie lockern das Geschriebene auf, aber geben auch eindrucksvoll Stationen oder typische Situationen wider (z.B. jeweils Doppelseiten über Afrikaeinsätze, Kriegsweihnacht oder Kriegstrauungen). Ein Zeitzeuge hat auch ein Zeichnungsheft erstellt, worin er eindrucksvoll Situationen in amerikanischer Gefangenschaft eindrucksvoll ausdrückt.
Die Abgrenzung zu den Kapiteln nehmen jeweils 24 Kurzbiographien vor, d.h. es wurden die Stationen der einzelnen Zeitzeugen in Kürze und sehr übersichtlich dargestellt (24 auf Doppelseite als Einschub zwischen den Kapiteln). Man sieht bei den biographischen Daten jeweils ein Bild als Soldat und eines, das den Soldaten 60 Jahre später zeigt, d.h. man kann den Zeitraum zwischen Gestern und Heute bildlich erkennen.
Ein interaktiver Bestandteil des Buches ist der Verweis von der Biographie auf die jeweilige(n) Geschichte(n) und umgekehrt. Am Beginn der Geschichte ist deshalb die Seitenzahl ersichtlich, die den Erzählenden bildlich zeigt bzw. welche Stationen er durchlaufen musste.
Das 5. Kapitel beinhaltet die Schilderung aus Sicht der amerikanischen Truppen, wie der Westwall in der Nähe von Aachen überwunden wurde. Eine Bilderserie eines ehemaligen US-Armee-Fotografen, an die ich durch Zufall kam, zeigen GIs in verschiedenen Situationen (Freizeit, Weihnachten, beim Arbeiten) nach diesem ersten Betreten von deutschem Boden im Oktober/November 1944. U.a. sieht man auch Dwight D. Eisenhower bei einem seiner ersten „Deutschlandbesuche“ - natürlich „gegen den Willen des Führers“.
Am Schluss erzähle ich auf einigen Seiten, wie das Buch entstanden ist, welche Schwierigkeiten und Hürden zu überwinden waren und was einem bei der Zeitzeugenarbeit so alles begegnen kann. Aufgelockert wird das Geschehen durch lyrische Texte meiner Ehefrau Karin-Christiane (insgesamt 10), die in einfühlsamer Weise Krieg beschreibt – und was er für wen auch immer bedeutet. (Anmerkung: Das Feedback auf diese Christiane-Texte waren seitens der betroffenen Zeitzeugen teilweise so euphorisch, dass es immer einen breiten Platz im Rahmen der Gesamtzustimmung bzw. des „Gesamtlobs“ für meine Arbeit einnahm. Manches mal habe ich zu meiner Frau gesagt: Du kassierst das Lob und ich hatte die Arbeit.... :-) )
Abschließend möchte ich noch erwähnen, dass ich mich jeglicher persönlicher Wertung enthalte und die Geschichten für den Betrachter einfach so stehen lasse. Es wird nicht glorifiziert oder verharmlost, sondern es sollen in komprimierter Form Streiflichter im Leben der damaligen Soldatengeneration verdeutlichen bzw. das menschliche Umgehen mit und in extremen Situationen. (ISBN: 3-00-014237-1)
II.) Textauszug | Kapitel 1: Vor dem Einsatz
Freiwillig zur U-Boot-Waffe (1-1) Gustav Lauer wurde 1943 gemustert und am 27.11.1943 als 17-jähriger zur Marine eingezogen. Neben verschiedenen Ausbildungsstufen stellte sich irgendwann die Frage, ob er sich freiwillig zur U-Boots-Waffe melden sollte. Damit war gemeint, zum fahrenden Personal. Als es hieß, dass Admiral Dönitz jeden Mann brauche, wurden auch die Marinesoldaten seine Kompanie gefragt. Gustav Lauer war der einzige, der „Ja“ sagte. Seine Kameraden, die später als Besatzungspersonal auf der Black Watch - dem Mutterschiff der 13. U-Boot-Flottille - eingeteilt wurden, konnten seine Entscheidung nicht verstehen. Doch Lauer war unbeirrt und sagte nur: „Wenn ich zu den U-Booten komme, dann kehre ich nach Hause zurück.“ Doch er erntete nur Kopfschütteln. Was war passiert? Lauer hatte geträumt, dass er nur nach Hause käme, wenn er unter Wasser fahren würde. Seine Entscheidung aus dieser inneren Gewissheit heraus war für seine Kameraden unverständlich. Als er an Bord von U 310 (Typ VII c) ging, taten diese schon Dienst auf der Black Watch.
Zwar waren Feindfahrten mit dem U-Boot sehr gefährlich, aber Kommandant Wolfgang Ley war stets so besonnen, dass er nicht immer Kopf und Kragen riskierte. Seine Passivität erregte schließlich das Aufsehen der Vorgesetzten, die ihm mangelnde Angriffslust vorwarfen. Jedenfalls gingen die Mannen um Kapitän Ley in Trondheim (Norwegen) ohne Gegenwehr in englische Internierung, und Gustav Lauer kehrte unversehrt wieder heim.
Und was passierte mit der Black Watch? Am Ostermontag des Jahres 1945 wurde das an der Küste liegende Schiff von den Engländern angegriffen und vollständig zerstört. Fast alle Besatzungsmitglieder fanden dabei den Tod. So hatte sich das Vertrauen auf seine innere Stimme für Gustav Lauer letztlich gelohnt und er hat, trotz vieler Gefahrenmomente, den Krieg unversehrt überlebt. Die U 310 „lebte“ danach nur noch zirka zwei Jahre. Sie wurde am 29.5.1945 den Norwegern zugesprochen und im März 1947 verschrottet.
Ein Rendezvous mit Folgen (1-2) (ausführlich im Buch) Wilhelm Schneider erzählt über ein Rendevouz, das er vor seinem Russlandeinsatz unbedingt wahrnehmen wollte. Es hätte ja das letzte seines Lebens sein können. Wie es verlief und welche Konsequenzen diese "illegale Zweisamkeit" hatte, kann im Buch nachgelesen werden...
Abschied von lieben Menschen (1-3)
In den letzten Tagen war ihm alles zu viel gewesen. Dass sein Freund Richard von der zweiten Feindfahrt als U-Boot-Soldat nicht mehr heimgekehrt ist, war ein schwerer Schlag für ihn. Nach dem Erhalt dieser Nachricht hatte er sich eine Baracken seines Ausbildungsstandortes in Douai (Frankreich) regelrecht verkrochen. Durfte er als Soldat trauern oder gar weinen, wenn der beste Freund plötzlich nicht mehr war? Der 18-jährige Hans Karpowitz schien in diesen Tagen sehr verändert. Dann kam die Nachricht, dass sein Großvater gestorben sei. Das machte alles nur noch schlimmer. Glück für ihn, dass der Vertreter des Kompaniechefs - ein älterer Hauptmann - ein Einsehen hatte und ihm eine Woche Urlaub gewährte. Damit hatte er nicht gerechnet.
Von Frankreich über Belgien und Holland fuhr er heim. Bei seinem Aufenthalt in Heerlen bat ihn vor dem Bahnhof ein etwa 8-jähriger Junge um Brot. Hans war glücklich, dem kleinen Holländer ein ganzes Komißbrot schenken zu können. Zugleich war er aber sehr erschüttert, dass die deutsche Besatzung die Niederländer zu Bettlern gemacht hatte. Als Hans Karpowitz zu Hause ankam, erfuhr er, dass sein Opa bereits vor zwei Stunden beerdigt worden war. Dennoch freute sich der 18-Jährige auf seine Familie, obwohl er den eigentlichen Anlass des Besuches verpasst hatte.
Während dieses Kurzurlaubs fuhr er mit seiner Schwester nach Aachen. Als er seine Blicke streifen ließ, wurde ihm noch mehr das Ausmaß des Krieges deutlich. Nun war er gerade vier Monate Soldat, aber für ihn hatte der Krieg schon seine Ernte eingefahren. Er sah viele Trümmer an diesem Februartag des Jahres 1943 in der alten Kaiserstadt. Vom Bahnhof Aachen-Nord führte ihr Weg über die Jülicher Straße in Richtung Stadtmitte. Unterwegs überholten sie zwei Kinder. Karpowitz interessierte sich für die beiden und drehte sich zu ihnen um. Er erschrak dabei, als er Judensterne auf ihrer Kleidung erblickte. Zwei Kinder im Alter von sieben bis neun Jahren, adrett gekleidet, die so dahintippelten. Sie hatten sich bei den Händen gefasst und machten einen arglosen Gesichtsausdruck. Dieses Bild der kindlich reinen Eintracht prägte sich bei ihm ein.
Er ging rasch weiter, aber dieser Eindruck ließ ihn bis in die Gegenwart nicht los. Was diese Kinder wohl noch erleben sollten? Diese Frage beschäftigte ihn und dabei dachte er an seinen Musiklehrer Hans Otto auf der Lehrerbildungsanstalt in Boppard. Seine Klasse war eine verschworene Gemeinschaft gewesen, und die Offenheit dort grenzte im Verhältnis zur damaligen Zeit schon an Fahrlässigkeit. So hatten einige jenem Musiklehrer die Frage gestellt, was er davon halte, was mit den Juden geschieht? Dass etwas mit ihnen geschah, war allen klar. Aber wusste man es genau und wie grausam war es wirklich? Sicher, das Wort KZ hatte schon eine schreckliche Aura, aber was steckte dahinter? Und was hatte dieser mutige Hans Otto geantwortet: „Hört mal her Jungs. Ich will euch eins erzählen. Ich lebte in den 30er Jahren in Frankfurt, und mir ging es wirklich dreckig. Eine jüdische Familie nahm mich von der Straße auf und stellte mich als Hauslehrer ein. Ich lebte mit diesen jüdischen Mitbürgern zusammen wie in einer Hausgemeinschaft. Ich kann nicht begreifen, dass solche Menschen jetzt irgendwo im Osten in einem Ghetto sind.“ Diese kühne Äußerung des Lehrers geschah in vollem Vertrauen in die Klasse. Hätte auch nur ein Schüler den Mund aufgetan, wäre dem Musikpädagogen Ärger mit der Gestapo nicht erspart geblieben.
Am Abend waren Bruder und Schwester wieder aus Aachen zurück. Die Geborgenheit daheim war das, was er nach dem Abschied von lieben Menschen dringend brauchte. Hier konnte er für einige Tage auftanken, weil er wusste, dass noch eine Menge vor ihm lag.
Kommandant mit 20 (1-4) (ausführlich im Buch) Dr. Reinhard Wöbker wurde schon mit 20 Jahren Kommandant eines Bootes. Diese Geschichte verdeutlicht die hohe Verantwortung, die in den Jahren des Zweiten Weltkrieges (aus heutiger Sicht) fast noch Jugendliche übernehmen mussten.
(Quelle: http://www.zeitzeugentreff.de.tl)
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