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Flugzeuge am Himmel

Vom Traum des Fliegens - in den Alptraum des Krieges


Vom Traum des Fliegens- in den Alptraum des Krieges. Die Geschichte meiner Jugend während der NS-Zeit und Kriegsjahre. Eine spannende Zeitreise zurück in die Vergangenheit vor 70 Jahren.

Der junge Walter Dreizler hat einen Traum: Er möchte Flieger werden, genauer gesagt: Jagdpilot im Zweiten Weltkrieg. Deshalb kann er seinen Kriegseinsatz kaum erwarten. Daß er mit seiner bisherigen Ausbildung keinesfalls zum Fliegenden Personal kommen kann, erfährt er erst später. Statt dessen erlebt er den Krieg als Flugzeugwart und, nach der faktischen Auflösung der Luftwaffe durch Benzinmangel, als Infanterist in all seiner Härte.

Schwer verletzt verbringt er die letzten Kriegstage im Lazarett. Aus dem begeisterungsfähigen Jungen, der seine Zeit in der Hitlerjugend in vollen Zügen genießt, wird ein desillusionierter Soldat, der immer mehr begreift, daß ein ganzes Volk den Illusionen und dem Größenwahn Hitlers aufgesessen ist und daß die widersinnige Fortführung dieses bereits verlorenen Krieges nur unzählige weitere Menschenleben kosten wird.

Walter Dreizler zieht eine eindringliche Bilanz - die seines eigenen Lebens, aber auch die einer ganzen Generation.

Auszüge

Mein Nebenmann über den Gang hinweg lag ebenfalls auf einem oberen Bett, er hieß Willi. Ich schätzte ihn auf achtundzwanzig Jahre, einen Meter siebenundsechzig Zentimeter groß, kräftig, blond, rundes Gesicht, ein Norddeutscher.

Er war gutmütig, offen und teilte alles, was er hatte. Immer pflegte ich auch hier weitgehend meine Zigarettenration zu verteilen, wovon auch Willi profitierte. Es fiel mir auf, daß er leicht auf die Palme kam, wenn ihm etwas nicht passte, oder wenn er sich ungerecht behandelt fühlte. Er war wie ich als Dienstgrad „Flieger“, also einfacher Soldat. Aber er war schon länger dabei, wie sein Verhalten verriet.

Eines Tages rauchte er auf dem Bett liegend eine Zigarette. Er zog ein Etui heraus aus seinem Spind und gab es mir. Ich klappte den Deckel auf, und da leuchtete mir das „Deutsche Kreuz in Gold“ entgegen. Ein Hakenkreuz, das mit einem goldenen Strahlenkranz umgeben und fast so begehrt und legendär war wie das Ritterkreuz. Es liefen nicht viele umher, die das Deutsche Kreuz in Gold neben dem EK1 auf der linken Brustseite trugen.

Ich blickte ihn fragend an: „Hast du das gefunden, Willi?“

Zuerst schwieg er noch eine Zeitlang, dann sagte er: „Nein, das habe ich mir verdient als Flugzeugführer einer He111 im Einsatz gegen London.“

Jeder Deutsche wußte, was damit verbunden war. Nachtflüge, Spitfire, Flak, Tiefflüge, Luftkämpfe, Tod, Verwundung, Abstürze – ein „Inferno“ bei Tag und bei Nacht. Zuerst schwieg ich, ich war baff. Sollte ich das glauben?

„Willi, warum bist du dann hier, als Schütze Arsch, als Fliegerdienstgrad, der letzte Zampano?“

Er erzählte seine Geschichte. Sie war kurz.

Seine Einheit war nach Marseille verlegt worden. In Ruhe sollte der Verband aufgefüllt und die Flugzeuge instandgesetzt werden. Es galt, die Lücken bei den Besatzungen zu füllen. Natürlich gingen sie auch aus, der Feldwebel Willi mit seiner Mannschaft, und tranken französichen Wein und Champagner.

Eines Abends wurden sie von einer deutschen Militärstreife, den Feldjägern, angehalten. Das waren die, die diese halbmondförmigen Schilder um den Hals herum aufgehängt trugen, die sogenannten „Kettenhunde“.

Willi und seine Kameraden sollten sich ausweisen und mitkommen, weil sie die Ausgangssperre übertreten hatten. Willi ertrug die barsche Behandlung der Etappenhengste nicht. Plötzlich langte er hin und schlug die zwei zusammen, und das auch noch im Feindesland, wo alles viel strenger geahndet wurde. Jedenfalls wurde er eingelocht und degradiert. Seinen Orden konnten sie ihm nicht abnehmen. Er hatte bis jetzt Glück, denn er hätte auch zusätzlich in ein Strafbataillon nach Russland kommen können, das Straf- und Bewährungsbataillon Dirlewanger. Davor hatte ihn wohl sein Orden bewahrt.

Ich sagte zu ihm, du, das tut mir wirklich leid, aber vielleicht wärst du jetzt schon tot, wie viele deiner Kameraden, die weiterhin im Einsatz sind mit der He111. Die sind vielleicht schon abgeschmiert, und schließlich lebst du noch.

Auzüge II

Ich wurde in eine Baracke eingewiesen, wo ich zuerst niemanden antraf. Da waren geräumige Stuben für zwölf bis fünfzehn Mann, mehrere Tische standen im Abstand voneinander in einer Linie, alles machte einen sauberen und fast wohnlichen Eindruck.

Nach einer Weile kam ein Gefreiter herein, der hier wohnte. Er setzte sich hin und machte es sich gemütlich.

„Wo kommst du her?“
„Von Deutschland“.
„Deine letzte Einheit?“
„Zerstörergeschwader.... – Technischer Dienst, Erster Wart an der Me110.“
Da scherzte er: „Und du willst als ehemaliger Wart zum Fliegenden Personal? Du weist doch am besten, wieviel Mist da gebaut wird. Da hätte ich keine ruhige Minute, jetzt mit Maschinen zu fliegen, die andere warten!“ Wir lachten. Da sagte ich, als er seinen Spind öffnete und ich seine Ration im Essfach vom Tisch aus sehen konnte: „Habt ihr sonntags immer Weißbrot?“
Er stutzte. „Nein, aber warum?“
„Na ja, weil ich eben deine Weißbrotration sehe, den runden Laib, der da angeschnitten so weiß herüberleuchtet. Er hat doch ein absolut friedensmäßiges Aussehen, oder nicht?“ Er griff in den Spind und warf mir den Laib einfach über den Tisch her, ich fing ihn auf und roch daran. „Köstlich!“

„Das wirst du hier jeden Tag bekommen! Hier“, er reichte mir dazu einen gerauchten Schinken, bereits in Scheiben geschnitten. Der roch so gut, daß es mich schier vom Stuhl schmiß. „Lang zu“, sagte er. Scheibe für Scheibe Brot schnitt ich herunter und aß andächtig einige Schinkenscheiben dazu, die mit ihrem würzigen Fett einmalig schmeckten. Es fing mir an, mir hier zu gefallen.

Auszüge III

Mein Gott! Auf fünfundzwanzig Zentimeter Länge fast vom Kniegelenk an aufwärts sah man nur verwischte Konturen mit vielen großen und kleinen Fragmenten, die kreuz und quer durcheinander lagen. Ich sah keine Knochen mehr innerhalb dieser Zone. Die Kugel, ein Infanteriegeschoß, lag unterhalb im Beugebereich des Oberschenkels im Muskelfleisch, man sah deutlich eine abgeplattete, krumme Spitze.

Auf dem OP-Tisch erhielt ich eine Äther-Narkose, die erste dieser Art mit Maske, Wattebausch und Zählen. Einmal vergaß ich zu atmen, bevor ich „weg“ war, da rief die Schweter ganz laut „Atmen, Atmen!“, was ich dann auch tat.

Mit bohrenden Schmerzen wachte ich auf, ich hörte eine Bohrmaschine surren. Ich träumte. jemand würde mir mit einem Bohrer durch das Knie bohren, so wie ich es früher als Lehrling beim Aldinger an den Gußgestellen auch mit den Handbohrmaschinen gemacht hatte. Ich hob den Kopf etwas an und sah, wie Dr. Schwerter gerade eine Bohrmaschine in der Hand hielt und erneut oberhalb des Knies außen ansetzte. Ich sah einen Edelstahldraht im Licht der OP-Lampe blitzen, dieser war in das Bohrfutter als Bohrer eingespannt. Ich schrie laut auf, um aufmerksam zu machen, daß ich vorzeitig wach geworden war.

Ich hörte noch „Äther“, dann atmete ich rasch wieder den schweren Duft so lange ein, bis ich weg war.

(Quelle: http://dreizler-flugzeuge.de/) - Mit freundlicher Genehmigung von Herrn Dreizler persönlich.


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