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Sep. 2008

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Göring und Goebbels - Eine Doppelbiografie

Vom Erfolgsautor Dieter Wunderlich | Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2002


Hermann Göring und Joseph Goebbels: Ein fanatischer Jünger Hitlers und ein korrupter Abenteurer. Am Beispiel dieser beiden grundverschiedenen Charaktere veranschaulicht Dieter Wunderlich in seiner farbigen Doppelbiografie, welche persönlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen normale Menschen dazu treiben können, im Verlauf ihrer Karrieren Verantwortung für beispiellose Verbrechen zu übernehmen.

Hermann Göring wurde im Ersten Weltkrieg als Fliegerheld gefeiert, aber seine militärische Karriere endete 1918 abrupt. In Hitlers Bewegung sah der eitle Selbstdarsteller eine Chance, ein neues abenteuerliches, gewissermaßen "heldisches" Leben zu führen. Karriere bedeutete für ihn Macht, prunkvollen Besitz und großspurigen Lebensstil. Nach dem Krieg verurteilte ihn der Internationale Militärgerichtshof in Nürnberg zum Tod. Um der Schande des Erhängens zu entgehen, vergiftete sich Hermann Göring am 15. Oktober 1946 in seiner Gefängniszelle.

Joseph Goebbels scheiterte mit seinem Wunsch, Journalist oder Schriftsteller zu werden. Da klagte er über die Ungerechtigkeit der Welt, trat für den Sozialismus ein und suchte verzweifelt nach einer Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Den glaubte er schließlich als glühender Jünger Adolf Hitlers gefunden zu haben. Nach dem Suizid des Abgotts vergifteten Joseph Goebbels und seine Frau Magda am 1. Mai 1945 ihre sechs Kinder und sich selbst.

Am Beispiel dieser beiden grundverschiedenen Charaktere veranschaulicht Dieter Wunderlich, wie es zu den grauenvollen Verbrechen der Nationalsozialisten kommen konnte. Hitlers Paladine organisierten Krieg und Völkermord, aber es handelte sich nicht um außerhalb der Gesellschaft stehende Ungeheuer, sondern um Karrieristen, die wie andere liebevolle Familienväter am Wochenende mit ihren Kindern spielten.

Das Vorwort aus "Göring und Goebbels"


Die NS-Herrschaft schlug nicht wie ein Meteor in die deutsche Geschichte ein; Hitler kann nicht als "Betriebsunfall" abgetan werden. Auch seine Vasallen wurden nicht als Unmenschen außerhalb der Gesellschaft geboren. Aufgrund ihrer besonderen Karrieren waren sie für die Verbrechen des NS-Regimes verantwortlich, aber am Wochenende spielten sie wie andere liebevolle Familienväter mit ihren Kindern. Gerade die "Banalität des Bösen" ist das Beunruhigende, denn sie bedeutet, dass die Gefahr von zunächst unauffälligen Mitgliedern einer Gesellschaft ausgeht: "Wir sind eine Bedrohung für uns selbst." Wer Hitler oder seine Gefolgsleute dämonisiert, bringt sich um die Chance, wenigstens einige der Mechanismen zu durchschauen, die Menschen zu Mördern machen können. [Dazu auch: Harald Welzer, Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. Fischer Verlag, Frankfurt/M 2005, 323 Seiten]

Daniel Jonah Goldhagen behauptet, dass "ganz gewöhnliche Deutsche" einen "eliminatorischen Antisemitismus" vertraten und deshalb "Hitlers willige Vollstrecker" wurden. Eine ebenso abenteuerliche wie werbewirksame These! Doch sie erklärt nicht, wieso Deutsche ebenso bereitwillig russische Kommissare umbrachten oder am 10. Juni 1944 die 600 Bewohner des Dorfes Oradour bei Limoges zusammentrieben, Frauen und Kinder in die Kirche sperrten, dann die Männer erschossen und das Dorf samt der Kirche mit den eingeschlossenen Menschen niederbrannten.

Ich befürchte, dass es nicht entscheidend ist, welchen Gruppen oder Nationen Opfer und Täter angehören. Der Sozialpsychologe Stanley Milgram bewies zu Beginn der Sechzigerjahre mit einer Versuchsreihe, dass normale Amerikaner bereit sind, andere mit lebensgefährlichen Stromstößen zu "bestrafen", wenn eine respektierte Person behauptet, dies sei zu experimentellen Zwecken erforderlich. "Gewöhnliche Bürger erhalten den Befehl, andere Menschen zu vernichten – und sie tun es, weil sie es als ihre Pflicht ansehen, Befehlen zu gehorchen." Auf die unabhängige Urteilsfähigkeit des Einzelnen können wir uns offenbar nicht verlassen.

Überall und zu allen Zeiten können Menschen dazu verführt werden, zu foltern und zu töten, wenn man ihnen ein entsprechendes Feindbild einimpft und eine Autorität sie glauben macht, das sei moralisch in Ordnung. Am 16. März 1968 erschossen amerikanische Infanteristen unter dem Kommando des 25-jährigen Leutnants William L. Calley jr. die 500 Bewohner des südvietnamesischen Dorfes My Lai, darunter 182 Frauen und 172 Kinder [Vietnam-Krieg]. Nach jahrelanger Vorbereitung kaperten 19 junge Araber am 11. September 2001 vier amerikanische Passagierflugzeuge mit insgesamt 266 Menschen an Bord. Eine Maschine zerschellte bei Pittsburgh; mit den anderen drei Boeing-Jets rasten die Attentäter ins Pentagon und in die beiden 420 m hohen Türme des World Trade Centers. Dabei starben mehr als 3000 Menschen.

Weil Frustration und Gewaltbereitschaft überall vorhanden sind und Hass in jeder Gesellschaft geschürt wird, müssen wir den Blick für intolerante Einstellungen und Beeinträchtigungen der Freiheit oder der Machtbalance schärfen. Nur so können wir sensibel reagieren und eine gewisse Immunität gegen Volksverhetzer entwickeln. "Die Chance ist, dass das Entsetzliche bewusst wird [...] Was geschah, ist eine Warnung. Sie zu vergessen, ist Schuld", schreibt Karl Jaspers. "Es war möglich, dass dies geschah, und es bleibt jederzeit möglich. Nur im Wissen kann es verhindert werden."

Historiker haben Berge von Material über den Nationalsozialismus zusammengetragen. Um allein mit den deutschsprachigen Neuerscheinungen zu diesem Thema Schritt zu halten, würde es nicht reichen, jeden Tag ein Buch zu lesen. Das Geschehen muss in Sachbüchern einem möglichst breiten Publikum vermittelt werden. Zur Veranschaulichung eignen sich Biografien besonders gut. Dafür wählte ich zwei grundverschiedene Beispiele nationalsozialistischer Karrieren: Joseph Goebbels und Hermann Göring.

Wegen seiner Gehbehinderung verspottet und als Sohn eines "Stehkragenproletariers" verachtet, wurde der kränkliche Gymnasiast Joseph Goebbels zum hasserfüllten Außenseiter. Die Solidarität in der Bevölkerung, die sich beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu bilden schien, erfüllte ihn mit Hoffnung. Als jedoch nach dem verlorenen Krieg die gesellschaftlichen Schranken neu errichtet wurden und niemand seine literarischen oder journalistischen Arbeiten veröffentlichen wollte, klagte Goebbels über die Ungerechtigkeit der Welt und gerierte sich als Sozialist. Er löste sich von seinem katholischen Glauben und suchte verzweifelt nach einer anderen Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens.

Die glaubte er schließlich in der nationalsozialistischen Bewegung gefunden zu haben: Er wurde zum glühenden Jünger Adolf Hitlers, schwor dem Sozialismus ab und passte sich fortan jeder Meinungsänderung seines Idols an. Joseph Goebbels stilisierte den "Führer" zum Erlöser des deutschen Volkes, propagierte das "nationale Erwachen" und gewann durch die Überzeugung, der Elite eines "Herrenvolkes" anzugehören, neues Selbstvertrauen. Weder Göring noch Himmler hasste die Juden so wie dieser Menschen verachtende arrogante Zyniker. Schöne Frauen benutzte er wie Spielzeug für seine unersättliche Begierde: Auch in der Rolle des Don Juan kompensierte er seinen Minderwertigkeitskomplex. Wenn der fanatische Demagoge spürte, wie er die Massen dirigieren konnte, quälten ihn keine Selbstzweifel mehr. Der Reichspropagandaminister verhetzte seine Landsleute, und als sich die Niederlage abzeichnete, trieb er sie in den "totalen Krieg". Nach dem Suizid seines Abgotts vergifteten Joseph und Magda Goebbels ihre sechs Kinder und dann sich selbst.

Hermann Göring stammte im Gegensatz zu Hitler, Goebbels und anderen führenden Nationalsozialisten aus einer großbürgerlichen Familie und wohnte als Kind in Schlössern. Schon in seiner frühen Jugend galt er als eigenwilliger Draufgänger. Im Ersten Weltkrieg wurde er als Fliegerheld gefeiert, aber 1918 endete die militärische Karriere abrupt. In Hitlers Bewegung sah er eine Chance, ein neues abenteuerliches, gewissermaßen "heldisches" Leben zu führen - obwohl er die NSDAP "als eine Bande von Biersäufern" verachtete und ihm der "ideologische Kram" gleichgültig blieb. Göring, der selbst mit einer adeligen Schwedin verheiratet war, führte Hitler in Kreise der Aristokratie, des Großbürgertums und führender Industrieller ein und half so, den Gefreiten, der vor dem Krieg in Wiener Obdachlosenheimen gelebt hatte, salonfähig zu machen. Am 30. August 1932 wurde Göring zum Reichstagspräsidenten gewählt. Ohne Hindenburgs Vertrauen in den Träger des Ordens "Pour le mérite" wäre Hitler am 30. Januar 1933 nicht Kanzler geworden.

Dafür ernannte er seinen Paladin dann zum Preußischen Ministerpräsidenten, Reichsluftfahrtminister, Reichsforst- und -jägermeister, Oberbefehlshaber der Luftwaffe und Wirtschaftsdiktator, beförderte ihn zum Reichsmarschall und designierte ihn als Nachfolger. Bei dieser Ämterfülle musste Göring trotz seiner außergewöhnlichen Intelligenz und seines Tatendrangs versagen, zumal er keine eigenständigen Persönlichkeiten als Mitarbeiter ertrug. Karriere bedeutete für ihn Macht, prunkvollen Besitz und großspurigen Lebensstil. Mit infantiler Freude zeigte sich der eitle Selbstdarsteller in Fantasieuniformen und extravaganten Morgenröcken.

Weil er das Erreichte nicht aufs Spiel setzen wollte, versuchte er, den Krieg zu verzögern, doch es gelang ihm nicht, Hitler vom "Vabanquespiel" abzuhalten. Korrupt und skrupellos, war Göring stets auf seinen Vorteil bedacht. Über Goebbels' fanatischen Judenhass mokierte er sich; grausam wollte er nicht sein, aber er gab zu, dass er "nicht gerade schüchtern war, wenn es sich darum handelte, 1000 Mann erschießen zu lassen". Nach dem Tod seiner geliebten Frau Karin heiratete er die Schauspielerin Emmy Sonnemann, die dem 45-Jährigen das einzige Kind gebar. Weil Hitler ihn zuletzt für einen Verräter hielt, verstieß er den Reichsmarschall im April 1945 aus der Partei. Der in Nürnberg tagende Internationale Militärgerichtshof verurteilte Göring zum Tod. Um der Schande des Erhängens zu entgehen, vergiftete er sich am 15. Oktober 1946 in seiner Gefängniszelle.

An meinem Abscheu gegenüber dem Nationalsozialismus kann kein Zweifel bestehen, aber wie in meinen anderen Büchern auch, halte ich mich mit meiner persönlichen Meinung zurück und versuche, das Geschehen so unvoreingenommen wie möglich nachzuzeichnen. Eine objektive Darstellung darf man zum Beispiel bei Joseph Goebbels' Tagebucheintragungen oder Emmy Görings Erinnerungen nicht voraussetzen. Wenn ich sie trotzdem kommentarlos zitiere, dann ist es, weil die Absicht zumeist erkennbar ist und ich es den Leserinnen und Lesern überlassen möchte, sich ihr eigenes Urteil zu bilden. Wahrscheinlich wird ihnen – wie mir – bei vielen Zitaten der Atem stocken.

Leseprobe | Joseph Goebbels im "Tempel des Materialismus"


Else Janke bemüht sich um eine Anstellung für ihren Geliebten, und tatsächlich bringt einer ihrer Verwandten den promovierten Germanisten als Depotbuchhalter bei einer Kölner Bankfiliale unter. Verzweifelt versucht Goebbels, eine Alternative zu finden, aber es gelingt ihm nicht: Er muss am 2. Januar 1923 die Arbeit aufnehmen. Bis er ein Zimmer in Köln gefunden hat, fährt er jeden Morgen mit dem Zug um 5.30 Uhr. Abends wartet Else am Bahnsteig in Rheydt auf ihn. "Gehalt gleich Null", klagt Goebbels. Er bleibt auf Geldanweisungen seines Vaters und Lebensmittelpakete seiner Mutter angewiesen.

Von den Vermögen der Vorkriegszeit ist 1923 nicht mehr viel übrig: Ein Bankguthaben aus dem Jahre 1914 ist auf weniger als ein Promille des ursprünglichen Wertes geschrumpft. Im Januar 1923 müssen für einen US-Dollar 10 000 Papiermark gezahlt werden, im Mai 50 000, im August 4,6 Millionen, im Oktober 25 Milliarden, und im Dezember bis zu 12 Billionen. Goebbels erlebt, wie Rentner durch die Inflation ihre Ersparnisse einbüßen, während Spekulanten davon profitieren. Als Angestellte der Bank ihren Wissensvorsprung über einen Kurssprung der Aktien des eigenen Hauses nutzen, um einem nichts ahnenden Aktionär rasch noch Papiere zum alten Preis abzukaufen, stellt Goebbels einen von ihnen zur Rede: "Eine ganz gemeine, lumpige Betrügerei" sei das. Aber der Kollege hat nur "ein mitleidiges Achselzucken" für ihn übrig. "Die heilige Spekulation", kommentiert Goebbels sarkastisch.

Er bekennt sich als "deutscher Kommunist" und empfindet die Tätigkeit im "Tempel des Materialismus" als Verrat an seinen sozialistischen Idealen. Geld – an dem es ihm ständig fehlt – beginnt er zu verabscheuen: "Wer viel mit Geld umgeht, besudelt sich [...] Zum Teufel mit dem dreimal verfluchten Geld! Mit ihm kommt alles Übel der Welt. Es ist, als wäre der Mammon die Verlebendigung des Bösen im Prinzip der Welt. Ich hasse das Geld aus dem tiefsten Grund meiner Seele."

[...]

Ein halbes Jahr hält es Goebbels in der Bank aus. Zwischendurch denkt er wieder an Selbstmord. "Krank an Körper und Geist" sucht er zwei Ärzte auf. Sie weigern sich, ihm Arbeitsunfähigkeit zu attestieren. Erst in der dritten Praxis erhält er eine entsprechende Bescheinigung. Die Schulferien verbringt er mit Else auf Baltrum. Er tut so, als habe er Urlaub. Im Liegestuhl erfährt er aus einem Brief, dass sein Freund Richard Flisges, der das Studium abgebrochen hatte, bei einem Grubenunglück in einem bayrischen Bergwerk ums Leben gekommen ist. Da fühlt er sich plötzlich "allein auf der Welt", obwohl Else bei ihm ist. "Ich bin krank und werde kränker", klagt er und steigert sich in eine Verzweiflung über die Inflation, den Ruhrkampf und das "Parteiengezänk" hinein. Niedergeschlagen packt er die Koffer. Else weint, aber sie begleitet ihn auf der vorzeitigen Rückreise.

Im September kündigt ihm die Bank. Er wagt nicht, es seinen Eltern mitzuteilen und schreibt ihnen aus Köln, er sei krank. Erst nach vier Wochen fährt er heim.

Leseprobe | Hermann Göring vor dem Nürnberger Tribunal


"Man mag sich beim Anblick dieser armseligen Gestalten, wie sie hier als Gefangene vor uns sind, kaum die Macht vorstellen, mit der sie als Nazi-Führer einst einen großen Teil der Welt beherrscht und fast die ganze Welt in Schrecken gehalten haben", meint der amerikanische Hauptankläger im "Nürnberger Prozess". Es falle schwer, nicht nach Rache zu schreien, sondern sich stattdessen um eine "gerechte Wiedergutmachung" zu bemühen. "Unsere Aufgabe ist es jedoch, soweit das menschenmöglich ist, das eine streng abzugrenzen gegen das andere [...] Wir möchten ebenfalls klarstellen, dass wir nicht beabsichtigen, das ganze deutsche Volk zu beschuldigen."

Für sein Schlusswort benötige er nur eine Minute, tönt Göring, denn es werde im Wesentlichen aus dem Götz-Zitat bestehen. Er kritisiert zwar, dass der "Sieger immer der Richter und der Besiegte stets der Angeklagte" sei, aber er bereitet sich eifrig auf die Verhandlungen vor: Die Möglichkeit zum Wortgefecht mit Juristen aus England, Frankreich, Russland und Amerika spornt ihn an. Albert Speer meint anerkennend: "Wie ich ihn nach all der Macht, dem Prunk und dem Aufwand so ernst und all seiner Diamanten und Orden entkleidet seine Verteidigung vor Gericht durchführen sah – das war wirklich erschütternd." Der amerikanische Gefängnispsychologe Gustave M. Gilbert erinnert sich später: "In unseren Unterhaltungen in seiner Zelle versuchte Göring den Eindruck eines jovialen Realisten zu machen, der mit hohen Einsätzen gespielt und verloren hatte und es alles wie ein guter Sportsmann hinnahm." Auf die Frage eines Journalisten, warum er sich den Amerikanern ergeben habe, antwortet Göring: Um "die deutsche Sache von einer wirklich verantwortlichen Stellung aus zu unterbreiten."

Als Gustave Gilbert dem Angeklagten vorhält, dass sich die meisten Deutschen vom Nationalsozialismus distanzieren, knurrt Göring: "Kümmern Sie sich nicht darum, was die Leute jetzt sagen! Das ist genau das, was mich nicht einen Dreck interessiert! Ich weiß, was sie vorher sagten! Ich weiß, wie sie uns umjubelten und lobpriesen, als alles gut ging." Er träumt von einem Neubeginn des Nationalsozialismus: "Wer weiß, vielleicht wird in dieser Stunde der Mann geboren, geboren aus unserem Fleisch und Blut, der mein Volk einigen wird – und er wird die Demütigung rächen, die wir jetzt erleiden!" Er prophezeit, in hundert Jahren sei Hitler wieder "das Symbol Deutschlands" und fährt fort: "Verlassen Sie sich darauf: [...] meine Gebeine kommen in einen Marmorsarkophag, und wenn es meine Knochen nicht mehr geben sollte, dann werden sie sonst was dafür reinlegen, wie bei den Heiligen!"

Vor Gericht behauptet Göring, niemals einen Mord oder eine Grausamkeit geduldet oder gar angeordnet zu haben. "Aber da ist etwas, was Sie wissen müssen – wirklich!", teilt er Gilbert mit. "Sie können es glauben oder nicht – aber ich sage es in tödlichem Ernst: Grausam bin ich nie gewesen! Ich gebe zu, ich war hart, ich leugne nicht, dass ich nicht gerade schüchtern war, wenn es sich darum handelte, tausend Mann erschießen zu lassen, zur Vergeltung, als Geiseln oder was Sie wollen. Aber Grausamkeit – Frauen und Kinder foltern – du lieber Gott! Das lag meiner Natur fern." Beim Rorschach-Test versucht er, auf der Vorlage einen roten Klecks, den Probanden häufig mit Blut assoziieren, mit den Fingern wegzuschnippen.

Der Psychologe fragt ihn: "Erfuhren Sie nichts über die Gräueltaten, von denen die ganze Welt wusste?" Göring antwortet: "Oh, man hörte eine ganze Menge Gerüchte, aber man glaubte natürlich nichts Derartiges." Und er behauptet: "Je höher man gestellt ist, desto weniger sieht man von dem, was sich unten abspielt." Als ein ehemaliger SS-General vor dem Gericht Massenmorde bezeugt, springt Göring auf und kann von den Wachen nur mühsam zurückgehalten werden: "Wahrhaftig, dieses dreckige, verfluchte Verräterschwein! Dieser gemeine Schuft! Herrgott, verflucht noch mal! Donnerwetter, der dreckige, hohlköpfige Hundesohn! Er war der verruchteste Mörder in dem ganzen verfluchten Verein. Der widerliche, stinkende Schweinehund! Verkauft seine Seele, um seinen dreckigen Hals zu retten!"

Seinem Verteidiger Otto Stahmer erklärt Göring: "Wenn Sie wirklich etwas Neues machen wollen, so werden Ihnen die Guten dabei nicht helfen. Sie sind selbstgenügsam, faul, haben ihren lieben Gott und ihren eigenen Dickkopf – man kann es nicht mit ihnen machen. 'Lasst wohlbeleibte Männer um mich sein[...]' – das kann ein gesalbter König sagen, aber kein Führer, der sich selbst geschaffen hat. Lasst abgefeimte Schurken um mich sein [...] Die Bösen, die etwas auf dem Kerbholz haben, sind gefällige Leute, hellhörig für Drohungen, denn sie wissen, wie man es macht, und für Beute [...] Man kann ihnen etwas bieten, weil sie nehmen.

Weil die keine Bedenken haben. Man kann sie hängen, wenn sie aus der Reihe tanzen. Lasst abgefeimte Bösewichter um mich sein – vorausgesetzt, dass ich die Macht habe, die ganze Macht über Leben und Tod [...] Was wissen Sie von den Möglichkeiten im Bösen! Wozu schreibt ihr Bücher und macht Philosophie, wenn ihr nur von der Tugend etwas wisst, und wie man sie erwirbt, wo doch die Welt im Grund von etwas ganz anderem bewegt wird."

(Quelle: http://www.dieterwunderlich.de/) - Mit freundlicher Genehmigung von Herrn Wunderlich persönlich. | Rezensionen zum Buch | Der Autor im Internet