Göring und Goebbels. Eine Doppelbiografie
Veröffentlichte Buchkritiken
"Kann man dieses Buch an Bekannte verschenken, die an neuerer Zeitgeschichte interessiert sind?" Das war neulich die Frage, als das Gespräch auf den Kelkheimer Schriftsteller Dieter Wunderlich kam. Die klare und knappe Antwort: "Ja!" Die Rede ist vom neuesten Buch des Kelkheimers: "Göring und Goebbels. Eine Doppelbiografie" [...] Grundverschieden diese beiden Charaktere. Überspitzt würde man jedoch in Anlehnung an eine Kolumne in "Readers Digest" sagen: "Menschen wie du und ich". Väter, die sich ihren Familien widmeten, die in der Gesellschaft brillierten, die zu Monstern wurden und verantwortlich waren für unendliche Kriegsverbrechen. Der Psychologe Dieter Wunderlich, bis zum letzten Jahr noch im Management einer Weltfirma tätig, skizziert mit klaren und einfachen Sätzen und einer unendlichen Fülle von Belegen, wie sich normale Menschen in Verbrecher verwandeln [...] – glänzend dargestellt von Dieter Wunderlich [...] (Peter Hillebrecht in "Kelkheimer Zeitung", 2. Mai 2002)
[...] Dieter Wunderlich [...] will Geschichte vermitteln und schreibt deshalb über Menschen, die sie erlebt haben [...] Einen Roman würde Dieter Wunderlich nicht schreiben. Fiktion ist nicht die Sache des 56-jährigen Kelkheimers. Lieber hält er sich in seinen Büchern an die Fakten [...] Und immer stehen Personen im Mittelpunkt seiner Arbeit. Obwohl der studierte Psychologe doch eigentlich etwas ganz anderes im Sinn hat. Geschichte will er nacherzählen – und zwar so anschaulich wie möglich [...] So gesehen benutzt er die tragenden Figuren seiner Bücher als Transportmittel, um historische Zusammenhänge zu erklären [...] hat die Doppelbiografie über die beiden Nazi-Größen denn auch eine Botschaft? "Vielleicht", antwortet Dieter Wunderlich. "Es könnte zeigen, dass man vorsichtig sein sollte, weil die Täter aus der Mitte der Gesellschaft kommen können." [...] (Dirk Rüsing in "Frankfurter Rundschau", 30. Mai 2003) | ...alle Kritiken zu diesem Buch lesen
Flugzeuge am Himmel
Die Rezension zum Buch von Walter Dreizler
Das Buch ist eine Rückerinnerung des Zeitzeugen Walter Dreizler an seine Jugend während der NS- und Kriegsjahre.Die heute Vielen unerklärliche Unterstützung Hitlers durch die Deutschen ab 1933 erklärt der Autor einfach und überzeugend anhand seines Lebens im Dorf Heumaden, wo er in bäuerlicher Umgebung aufwächst. Die Hitlerjugend erfüllt ihren Zweck einer vormilitärischen Ausbildung. Niemand ahnt, daß der „Friedenskanzler“ Hitler den Weltkrieg II vorbereitet.
Zahlreiche Versetzungen des Gefreiten Dreizler bieten Gelegenheit, die damaligen Strukturen der Luftwaffe ab 1942 und zuletzt auch deren Zusammenbruch 1944 kennenzulernen. Seine spannenden Erlebnisse werden ergänzt durch interessante militär- und lufttechnische Informationen.
Dreizler erkennt zunehmend, daß Hitler und seine Gehilfen das Land in den Untergang führen und skrupellos verraten. Der Soldat erlebt ab Herbst 1944 die letzte Steigerung des Krieges als Infanterist bei den Fallschirmjägern in einem Kampfbataillon, das nur leicht und schlecht bewaffnet und ohne Unterstützung verheizt wird. Er wird bei Arnheim (Holland) schwer verwundet. Ein langer Lazarettaufenthalt, dann amerikanische und russische und zuletzt britische Gefangenschaft runden seinen Leidensweg ab, der im Herbst 1945 mit seiner Heimkehr ein Ende findet.
So endete sein Traum vom Fliegen im Alptraum des Krieges.Sein Heimatdorf Heumaden bietet ihm für die schwere Nachkriegszeit einen sicheren Hort. Irgendwann kommt die Erkenntnis, daß die schreckliche Niederlage eine Befreiung war, die den Weg in eine neue bis heute währende Friedenszeit öffnete. Rückblickend waren damals alle Opfer. Dreizler hatte Glück - und wir Deutschen auch -, wir waren nocheinmal davongekommen. Wenige Monate später wären wir Opfer von Atombomben geworden.
Dieses Buch ist eine „Zeitreise“ in die Vergangenheit. Es schildert die Wahrheit jener Tage, erlebt von einem noch lebenden Zeitzeugen. Daß der Autor seine Erlebnisse spontan, wirklichkeitsnah und spannend schildert macht es nicht leicht, das Buch zu unterbrechen oder zum Schluß aus der Hand zu legen.
Eine Generation verabschiedet sich
Die Rezension von Willy Birkemeyer
Zeitzeugengeschichten aus Krieg und Gefangenschaft in Wort und Bild - Ein beeindruckendes Beispiel von „oral history“
Ein besonderes Buch soll heute die Aufmerksam erhalten, nämlich ein Geschichten- und Bildband, der die Erlebnisse aus Krieg und Gefangenschaft von 120 Zeitzeugen beinhaltet. Mehr als 60 Jahre ist der Zweite Weltkrieg schon her. Aber wohl kaum ein Ereignis prägte mehrere Generationen so stark wie dieses. Viel wurde darüber geschrieben, aber wer kennt nicht die Situation, wenn ein betroffener Zeitzeuge seine individuellen Kriegserlebnisse schildert? Dann zählt in diesem Moment nur dieser Mensch und seine Erfahrungen. Jürgen Klosa aus Übach-Palenberg bei Aachen erkannte, dass es für das Festhalten der vorgenannten Erfahrungen bald zu spät sein würde, und so opferte er viel Zeit und Energie, um für diese Generation ein Vermächtnis zu schaffen. Und hier bin ich auch schon beim „ersten Wunder“ dieses Buches, nämlich mit 120 älteren Männern in einem Jahr ein Gespräch über die schwerste Zeit ihres Lebens zu führen. Wer auch nur annähernd weiß, wie unterschiedlich die Betroffenen damit umgegangen sind, weiß, dass man irgendwo nicht einfach so hineinspaziert. Das „zweite Wunder“ ist in dem Zusammenhang die große Bilderzahl, die der Autor auf Vertrauensbasis leihweise erhielt. Der Autor musste schon überzeugend aufgetreten sein, um hier an persönliche und einmalige Illustrationen zu kommen.
Dann das „dritte Wunder“ in Form der Aufbereitung, die dem Autor nach meinem Dafürhalten sehr gut gelungen ist. So hat er die Gesprächser-geb-nisse nach in sich abgeschlossenen Geschichten durchforstet und in vier Kategorien eingeteilt („Vor dem Einsatz“, „Kriegsgeschehen“, „Doch Mensch geblieben“ und „Kriegsgefangenschaft“). Man findet in dem Buch insgesamt 108 Geschichten vor, die innerhalb dieser vier Kapitel eine vielfältige Sammlung von individuellen Erlebnissen sind. Vor allem hat sich der Autor jedes eigenen Kommentars enthalten bzw. nichts gewertet. Er wollte nur zuhören und seinen Zeitzeugen ein wertfreies Forum bieten. Und darum geht es ja bei der Aufarbeitung von traumatischen Erfahrungen in erster Linie: Nämlich dass sich die Betroffenen etwas von der Seele reden und der Zuhörer das tut, was heute so unendlich kostbar ist: nur zuhören. Wenn man sich darüber klar wird, dass Jürgen Klosa nicht nur die Gespräche geführt hat, das inhaltliche Konzept kreierte und dann schließlich ein optisch sehr ansprechendes Buch geschaffen hat, dann wird klar, wie viel Herzblut und Energie in dieses Zeitzeugenprojekt geflossen ist.
Dass dieses Buch auch interaktive Elemente hat, zeigt die Detailfreude des Autors. Von jedem seiner Interviewpartner wurde eine militärische Kurzbiographie abgedruckt, die jeweils zwei Fotos des Zeitzeugen beinhaltet, eines als Soldat und ein aktuelles Foto. In dieser Kurzbiographie ist darüber hinaus ein Seitenhinweis auf die jeweilige Geschichte(n) enthalten. An der betreffenden Geschichte befindet sich wieder ein Seitenhinweis zur Biographie. So nimmt der Leser Kontakt zum Erzähler auf und weiß wie er während des Erlebnisses aussah und wie er heute – also über 60 Jahre später - aussieht.
Diese Einzelheiten lassen viel Sensibilität des Autors erkennen. Spätestens jetzt muss klar werden, dass so ein Buch eigentlich nur möglich ist, wenn Autor und Zeitzeugen einen Zugang zueinander haben. Und das ging halt nur auf lokaler Ebene, d.h. alle Kriegsteilnehmer wohnten in der Stadt des Autors (Übach-Palenberg). Und hier droht dieses Buch auf den ersten Blick als „lokal“ missverstan-den zu werden, weil man meinen könnte, es handele von dieser Kleinstadt. Doch ist das ganz und gar nicht der Fall, weil es für den Wert der Geschichten unerheblich ist, ob der Erzählende in Oberammergau, Frankfurt, Hamburg oder eben in Übach-Palenberg wohnt. Spätestens die Erlebnisse finden an den Kriegsschauplätzen statt. Man erfährt beispielsweise wie ein Kompaniechef seine gefallenen Kameraden brieflich immer „vorbildlich“ sterben ließ, um Heimat oder Angehörige zu schonen. Man nimmt an der Verzweiflung von Soldaten teil, die sich lieber selbst verletzen oder sich nach dem „Heimat-schuss“ sehnen, um der Kriegshölle zu entrinnen. Man wird Zeuge von Fluchten aus der Gefangenschaft oder erfährt, dass in Reims zahlreiche deutsche Kriegsgefangenen am 8. Mai 1945 (Kapitulation) aus Protest nicht in Gefangenenkleidung zur Arbeit gingen, sondern in geklauten deutschen Soldatenuniformen. Sie wollten sich nach der bedingungslosen Kapitulation persönlich nicht als Verlierer fühlen.
Verlierer? Spätestens jetzt wird auch der Wert eines solchen Zeitzeugenbuches deutlich, weil die vielen „Verlierer des Krieges“ eigentlich erst dadurch verloren haben, weil man ihnen keine Aufarbeitung ihrer Erlebnisse zugestanden hat. Und heute, wo Deutschland wieder ein geachteter Bestandteil der freien Welt ist, sollte man dieser Generation wenigstens Interesse und Wertschätzung entgegenbringen und vielleicht sagen: Ihr ward keine Verlierer, sondern hattet das Pech, auf der falschen Seite gewesen zu sein. Vor allem ist ein solches Zeitzeugendokument auch für den Geschichts-unterricht sehr geeignet, weil junge Leute eher über authentische Beispiele das Verhalten und das Leid ihrer Großväter verstehen können, als durch die Schilderung strategischer Abläufe. Diese Gedanken kommen auch bei den sehr einfühlsamen Texten zum Ausdruck, die die Ehefrau des Autors zwischendurch einstreut. Tiefe und feine Worte z.B. über „Krieg und Tiere“ über „Deutsche und Russen“ oder einfach nur als Hinweis, dass dieser Krieg bei den Deutschen einen starken Bruch (menschlich und kulturell) hinterlassen hat und man um der Menschlichkeit Willen dem „Soldatenherz lauschen sollte“.
Willy Birkemeyer
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